Der Kinder- und Jugendchor als Gruppe
"Chorsingen spielt sich bei Kindern und Jugendlichen in der Freizeit ab."

Mit diesen beiden Grundsätzen befindet sich die Kinder- und Jugendchorarbeit im Bereich der Gruppenpädagogik. Das heißt, dass das Chorsingen nicht nur allein aus dem Singen besteht, sondern sich auch ein vielschichtiger Gruppenprozess vollzieht. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist das Motiv, im Chor zu singen nicht nur allein das Singen. Die Gruppe ist das Entscheidende. In ihr lebt und erlebt ein Kind bzw. ein Jugendlicher einen Lebensabschnitt. Einen Lebensabschnitt, der in den individuellen Entwicklungsprozess passt. Dies kann aber auch bedeuten, dass dieser Lebensabschnitt einmal beendet wird, weil man sich anders bzw. weiterentwickelt hat. Im Gegensatz zum Erwachsenen: Hier ist das Singen Freizeitbeschäftigung und gehört als Freizeit zum Leben dazu. Es steht im Vordergrund, und die Geselligkeit ist eine positive Begleiterscheinung.
Um genauer mit dem Kind oder dem Jugendlichen im Gruppenprozess umzugehen, muss man diese in ihrer Zeit und ihrer Situation betrachten. (Die Zeit unserer Jugend ist niemals die Jugend unserer Kinder oder unserer Eltern!) Betrachten wir im Folgenden genauer
      a) Die entwicklungs- und sozialpsychologische Situation,
      b) Die gesellschaftliche Situation,
      c) Die Freizeitbedürfnisse.

Hieraus werden sich dann Ziele und Inhalte von dem Kinder- und Jugendchor als Gruppe entwickeln lassen.

a) Die entwicklungs- und sozialpsychologische Situation
In der westlichen Industriekultur ist die Jugendphase u.a. durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
• Akzeleration (d.h. zeitliches Auseinanderfallen von Wachstum und Reifeentwicklung)
• Sexualreife (Beziehung zur eigenen Geschlechtlichkeit, Partnerschaft, Freundschaft...)
• Ablösungsprozess von der Familie
• Teilablösung oder Distanzierung von Autoritäten
• affektive Labilität (Entwicklung von Selbstwertgefühl, Neigung zur Apathie, Realitätsflucht, Aggression, Konsumorientierung, Sensibilität)
• Kommunikationsbedürfnis und Gruppenbildung (Wunsch nach Geborgenheit und gegenseitiger Bestätigung, Cliquen, Banden, Dauerbeziehungen, Feten)
• Aufbau einer eigenen Jugendkultur (Kleidung, Riten, Verhaltensweisen, Sprache...) – Selbstfindung und Aufbau eines Wertsystems (Identitätskrise, Suche nach Leitbildern...)
Kinder und Jugendliche befinden sich in einem Übergangsstadium, in dem entscheidende Weichenstellungen für die weitere körperliche, geistige und seelische Entwicklung erfolgen. Wandlungen, Veränderungen und vor allem Unsicherheit sind die Hauptkennzeichen dieses Entwicklungsstadiums.

b) Die gesellschaftliche Situation
Zwänge und Ängste bestimmen die Situation jedes einzelnen. Gesamtgesellschaftlich stellen diese ein Gesamtbild der heutigen Situation dar. Wir befinden uns in Krisen und Wandlungsprozessen. Diese kann man, wie folgt, in fünf Abschnitte untergliedern (in Stichpunkten).
1. nationale und internationale Bedrohung
      Frieden ist bedroht – Lebensbedingungen werden schlechter –
      ökologische Probleme werden größer – soziale Übel –
      Bevölkerungsentwicklung – Sackgassen in der Demokratie –
      verknöcherte Institutionen – ökonomische Krise – Anarchie in Wissenschaft
      und Technik – Legitimationskrise Arbeitsproblematik
2. Vergesellschaftung und Ausgliederung
      Veränderungen der letzten 20 Jahre: Ausbildung des Bildungswesens –
      Selbstgesetzlichkeit bürokratischer Abläufe – Jugendzeit als Vorbereitungszeit
      auf das eigenständige Leben hat sich verlängert – Zukunft und
      Lebensperspektiven sind ohne Vermittler – heute: wer die Jugend hat,
      hat die Zukunft
3. unzulängliche Formen der Problemwahrnehmung und -bearbeitung
      Verwaltung des Dilemmas/Krisenmanagement – Mangel politischer Phantasie –
      Verharmlosung und Verdrängung der Probleme – Diskriminierung und
      Diffamierung von Alternativen – tradierter Lernprozess – innovatives Lernen
4. Wertwandel und Zerrissenheit der Lebenswelt
      Wertvorstellungen haben sich verändert – Selbsterfahrungsbedürfnisse werden
      nicht befriedigt – Zwei-Kulturen-Problem – früher: die Zukunft war offen,
      Anstrengung und Verzicht wurden materiell belohnt. Heute: dies ist nicht mehr
      möglich, darum leben im Jetzt – Legitimation von Werten und Normen ist
      überarbeitet – Sinnfrage wird in Gruppen bearbeitet
5. Problem der Optionen
      Bei der Fülle der Angebote muss eine Auswahl getroffen werden;
      Folge: Unzufriedenheit – begrenzte finanzielle Mittel; Folge: geringe Freude –
      menschliche Beziehungen werden angesichts der finanziellen und zeitlichen
      Begrenzung nur bedingt geknüpft.

c) Die Freizeitbedürfnisse
Nachdem nun die Situation der Kinder und Jugendlichen genauer betrachtet worden ist, wenden wir uns dem Freizeitverhalten zu. Freizeit ist der Bereich, der neben den Pflichten, wie z.B. Schule, das Leben bestimmt. Welches die Bedürfnisse der Freizeit sind, zeigt folgende Aufzählung. Je nach Sozialisation, Bildungs- und Entwicklungsstand etc. ergeben sich verschiedene Schwerpunkte, die alle im Gruppenprozess auftauchen und, wenn möglich, dort auch bearbeitet werden sollen.
• Erholung und Entspannung (Rekreation)
      z.B. ausruhen, gammeln, gesundheitsfördernde Tätigkeiten
• Ablenkung und Zerstreuung (Kompensation)
      z.B. Entlastung, Unterhaltung, Vergnügen: Ausgleich von Mängeln und
      Enttäuschung, insbesondere unbefriedigter Ansprüche auf Anerkennung
      und Geltung
• Lernen und Weiterbildung (Edukation)
      z.B. Lernen von Freiheit in Freiheit, soziales Lernen
• Selbstbestimmung und Selbstfindung (Kontemplation)
      z.B. Sinnfindung des Lebens, Muße, Nachdenken, Meditation, religiöse Andacht,
      Identitätsfindung
• Mitteilung und Partnerschaft (Kommunikation)
      z.B. Austausch von Informationen, Kontakte zwischen Individuen und Gruppen
• Beteiligung und Engagement (Partizipation)
      z.B. demokratische Mitsprache, Mitbestimmung und Mitverantwortung,
      Solidarität und soziale Aktionen
• Soziale Orientierung und gemeinsame Lernerfahrung (Integration)
      z.B. Hineinwachsen in die Nachbarschaft, Gemeinwesen, Gesellschaft,
      Einüben von Formen religiösen Verhaltens
• Kulturelle Selbstentfaltung und Kreativität (Endukation)
      z.B. Teilnahme an der Gegenwartsstruktur, Kultivierung eigener Möglichkeiten,
      schöpferische Tätigkeit.

Diese Freizeitbedürfnisse und die Situation von Kindern und Jugendlichen sind Grundlage für eine gute Chorarbeit. Nimmt man sie ernst, ergeben sich folgende
Ziele und Inhalte für eine "sinnvolle" Arbeit:
1. Befähigung zur Artikulation
Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, ihre Bedürfnisse, Interessen, Gefühle und Probleme verbal oder nonverbal zu äußern.
2. Einübung sozialer und demokratischer Verhaltensweisen
Die Kinder und Jugendlichen sollen tolerantes, solidarisches und hilfsbereites Verhalten erfahren und vermittelt bekommen; sie sollen bereit sein und lernen, sich mit anderen Menschen sachlich auseinander zu setzen und Konflikte fair und gewaltfrei zu lösen; sie sollen zum Engagement für andere befähigt werden; sie sollen lernen, auf demokratischem Wege entstandene Mehrheitsbeschlüsse zu akzeptieren und mit zu tragen, sowie Interessen von Minderheiten zu berücksichtigen.
3. Bewusstmachung gesellschaftlicher Zusammenhänge
Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, wie groß die Abhängigkeit und Beeinflussung des einzelnen durch die Gesellschaft ist, und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten im Hinblick auf eine menschlichere Welt suchen.
4. Befähigung zur Selbstständigkeit, Kritik und Konfliktfähigkeit
Die Kinder und Jugendlichen sollen zu eigenen Entscheidungen und Planungen befähigt werden. Sie sollen lernen, sachliche und konstruktive Kritik zu üben und zu ertragen, sowie das eigene Verhalten selbstkritisch zu reflektieren. Sie sollen befähigt und ermutigt werden, Alternativen aufzuzeigen und zu verantwortlichem Handeln und zur Kompromissbereitschaft erzogen werden.
5. Sensibilisierung für die eigenen und für die Probleme anderer
Die Kinder und Jugendlichen sollen befähigt werden, die eigenen Probleme ohne Beschönigung zu erkennen und zu lösen. Sie sollen ein Gefühl für die Empfindungen anderer bekommen und lernen, die Verhaltensweisen und Gefühle anderer zu akzeptieren und zu verstehen.
6. Einübung neuer Kommunikationsformen
Die Kinder und Jugendlichen sollen befähigt werden, herkömmliche Kommunikationsformen kritisch zu reflektieren und offen für das Ausprobieren neuer Formen des menschlichen Zusammenlebens und des Ausdrucks zu werden.
7. Aufzeigen neuer Freizeitmöglichkeiten sowie Aufdecken und Entwicklung neuer Fähigkeiten
8. Kultivierung und Befriedigung von Bedürfnissen und Interessen
9. Integration ausländischer Kinder und Jugendlicher

Die Kinder und Jugendlichen sollen mit den bestehenden Normen und Werten der unterschiedlichen Kulturen vertraut gemacht werden, stärkeren Kontakt bekommen, Vorurteile abbauen und die deutsche Sprache kennen lernen.
10. Erziehung zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (Konziliarer Prozess)
11. Verwirklichung und Emanzipation

Was bedeutet nun die Betrachtung der Situation Jugendlicher, die Freizeitbedürfnisse und die daraus folgenden Ziele und Inhalte für den Kinder- und Jugendchorleiter?
Muss der Chorleiter seine Chorproben völlig umstellen? Muss er, anstatt Chorleiter ein Gruppendynamiker werden?
Ich denke nicht. Singen ist ein so starkes gemeinschaftsbildendes Moment. Doch ist es wichtig, die oben genannten Strukturen von Gruppen zu beachten. Wenn ich als Chorleiter sensibel für die Sängerinnen und Sänger und für die "Materie Chor" bin, muss ich mir einige Fragen stellen: Welche Rolle spiele ich im Chor? Welche anderen Rollen werden gespielt? Wie gehe ich mit diesen Rollen um? Welchen Führungsstil habe ich?...
Karl Barth, ein evangelischer Theologe, schrieb 1966 die
"Thesen zum Umgang mit der jungen Generation". Sie können heute als Grundlage für eine gute Jugendarbeit (auch Kinder- und Jugendchorarbeit) dienen:
1. Du sollst dir klar machen, dass die jüngeren, dir verwandten Menschen beiderlei Geschlechts ihre Wege nach ihren eigenen, nicht nach deinen Grundsätzen, Ideen und Gelüsten gehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und nach ihrer eigenen – nicht nach deiner – Fasson selig zu sein und zu werden, das Recht haben.
2. Du sollst ihnen also weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit noch mit deiner Zuneigung noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten.
3. Du sollst sie in keiner Weise an deine Person binden und dir verpflichten wollen.
4. Du sollst dich weder wundern noch ärgern und betrüben, wenn du merken musst, dass sie öfters keine oder wenig Zeit für dich haben, dass du sie, so gut du es mit ihnen meinen magst und so sicher du dir deiner Sache ihnen gegenüber zu sein denkst, gelegentlich störst und langweilst, und dass sie dann unbekümmert an dir und deinen Ratschlägen vorbeibrausen.
5. Du sollst bei ihrem Tun reumütig bedenken, dass du es in deinen jüngeren Jahren den damals Älteren gegenüber wahrscheinlich ganz ähnlich gehalten hast.
6. Du sollst aber für jeden Beweis von echter Aufmerksamkeit und ernstlichem Vertrauen, der dir von ihrer Seite widerfahren mag, dankbar sein; du sollst aber solche Beweise von ihnen weder erwarten noch verlangen.
7. Du sollst sie unter keinen Umständen fallen lassen, sollst sie vielmehr, indem du sie freigibst, in heiterer Gelassenheit begleiten, im Vertrauen auf Gott, auch ihnen das Beste zutrauen, sie unter allen Umständen lieb behalten und für sie beten.

Zu empfehlende und für dieses Referat verwendete Literatur:
Berner, W.: Jugendgruppen organisieren, Hamburg, 1983
Brocher, T.: Gruppendynamik und Erwachsenenbildung, Braunschweig, 1969
Rogers, C. R.: Entwicklung der Persönlichkeit, Stuttgart, 1973
Schwäbisch, L./Siems, M.: Anleitung zum sozialen Lernen für Paare, Gruppen und Erzieher, Hamburg 1974
Steinkopf, J. F.: Freizeithandbuch, Mainz, 1974

Anmerkung in eigener Sache:
In der anschließenden Diskussion nach diesem Referat wurde die Frage gestellt, wie eine gute Werbung für Kinder- und Jugendchöre aussehen könnte. Dazu folgende Anmerkungen:
– durch die Überflutung von Mitteilungen, welche auf Kinder- und Jugendliche einströmen, sind Kinder und Jugendliche fast schon immun gegen Handzettel und Plakate geworden. Besser sind Aktionen, wo die Zielgruppe direkt motiviert wird. (Offene Singen im Ort, Konzerte, Mitmachkonzerte, Singfreizeiten o.ä.).
– zur besseren Gestaltung von Veranstaltungen und Aktionen empfiehlt sich eine Kooperation mit anderen Vereinen und Verbänden. Möglichkeiten hierzu gibt es in vielen Orts- bzw. Stadt- und Kreisjugendringen.
– weiterhin möchte ich Mut machen zur Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Verbänden. Gerade durch die immer geringer werdende Anzahl von Kindern und Jugendliche ist die Kooperation eine gute Möglichkeit, schwindende Mitgliederzahlen aufzufangen. (Warum sollte nicht zu Beginn eines Fußballspiels im Stadion unter Mitwirkung eines Kinder- oder Jugendchores gesungen werden? Sicher gibt es so für manchen Kinder- und Jugendchor neue Wirkungsmöglichkeiten. Auch können andere Vereine und Verbände so mit Räumlichkeiten für z.B. Konzerte aushelfen – Chormusik in der Kirche – Ich kann mir durch so eine Art von Kooperation eine große Belebung unserer Vereins- und Verbandsarbeit vorstellen.)